RÜCKKOPPLUNGEN



Kulturelle Praxis – gesellschaftliche Wirkung?

10–11 Uhr: Podium 1

Bürgerbeteiligung, Empowerment, Teilhabe: Akzentuierung der Diversität kultureller Positionen

Wie können sich künstlerische Prozesse sozial wirksam einschreiben? Werden Selbstermächtigungsprozesse angeregt und Identitätszuschreibungen aufgelöst? Welche Bedürfnisse haben die Teilnehmenden? Aus nationaler wie internationaler Perspektive wurden Motivationen, Ansätze und Methoden einer künstlerischen Praxis, die auf soziale und politische Wirkung zielt, ebenso diskutiert wie ihre Funktion im Rahmen von Projekten kultureller Bildung.

Ort: Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, 10997 Berlin

Ein Zusammenschnitt des ersten Podiums ist hier zu sehen. Drei Cluster werden thematisiert. Cluster 1: Selbstverständnis/Rollen-/Aufgabenverständnis, Cluster 2: Hat kulturelle Praxis eine gesellschaftliche Wirkung? Cluster 3: Funktion und Wirkung von Kunst?

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Kurze Zusammenfassung von Silke Feldhoff

Marina Sorbello eröffnete das Gespräch mit der Bitte an alle Teilnehmer_innen, sich und ihre Projekte kurz vorzustellen und zu der Frage Stellung zu beziehen, ob und wenn ja, wie sich künstlerische Prozesse sozial wirksam einschreiben können.

Den Auftakt machten Veronika Gerhard und Volkan T.,von der akademie der autodidakten, einem Projekt des Ballhaus Naunynstraße. Nach einer kurzen Einführung in ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis lenkten sie das Gespräch sehr schnell auf den Bildungsauftrag von Schulen, der defizitär umgesetzt würde, und auf die Frage, ob kulturelle Bildung dort unterstützend (rettend?) zur Seite stehen könne. Dieser Faden wurde von Bettina Busse, Kulturamt Neukölln, in ihrer Funktion als jemand, der Kooperationsprojekte von Schulen und Künstler_innen initiiert, konzipiert und koordiniert, aufgegriffen. In Opposition zur Position der akademie der autodidakten begreift sie ihren Auftrag darin, Themen und Rahmen vorzugeben, innerhalb derer Schüler_innen und Künstler_innen agieren und lernen können und sollen sowie darin, einen bestimmten Wissens- und Wertekanon weiterzugeben. Bettina Busse formulierte die Idee einer „guten Koexistenz“ zwischen Schüler_innen, Lehrer_innen und Künstler_innen, wozu es allerdings Zeit, Kraft, Arbeit und Kontinuität bedürfe, Faktoren, an denen es oft mangele. Ökonomische Aspekte thematisierte sie dabei nicht explizit.

Peter Winkels, Kulturmanager und Geschäftsführer der Agentur next, die u.a. mit dem Haus der Kulturen der Welt kooperiert, knüpfte in seiner Eigenpräsentation direkt an eine an Bettina Busse adressierte Frage der Moderatorin an, ob nämlich Künstler_innen oder Kulturinstitutionen das ersetzen können, was an kultureller Bildung früher an Schulen stattgefunden habe – eine Frage, die er direkt und entschieden verneinte. Den angenommenen Anspruch, bildungspolitische und schulorganisatorische Defizite durch Kunstprojekte aufzufangen, wies er entschieden zurück mit dem Hinweis darauf, dass dieser sowohl „die Schule wie auch die Kunst“ überfordere. Er adressierte demgegenüber das Konflikteld innerinstitutioneller Widersprüche: Obwohl sie den Willen formulierten, sich zu öffnen, spiegelten und reproduzierten sie weiterhin gesellschaftlich existente soziale und kulturelle Segregation und hierarchische Strukturen. Hier könne Kunst eine interessante Funktion einnehmen indem sie Verhältnisse „tatsächlich sichtbar“ mache.

Die Moderatorin stellte kurz Rena Rädle vor, Künstlerin und soziale Aktivistin aus Belgrad, die zunächst auf ihre partizipative, kollaborative Praxis einging und dann explizit über strukturelle Machtmechanismen bei (so genannten) partizipativen Projekten reflektierte – ein Thema, welches bereits in allen Beiträgen unausgesprochen mit schwang. Sie forderte deutlich vor allem eine Festlegung der Rollen der Akteure und Transparenz.

Als letzte im Bunde wurde schließlich Kate Squires gebeten, aus ihrer Erfahrung mit der gallery education in England und besonders von ihrer Rolle als communities curator der White Chapel Gallery London zu berichten, um eine Vergleichsperspektive auf die Situation in Deutschland einzuführen. Sie beschrieb ihre Aufgabe vor dem Hintergrund eines wichtigen Regierungspapiers Ende der 1990er Jahre, das partizipativen Kunstprojekten eine positive Wirkung auf sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen zusprach und unter dieser Prämisse umfangreiche Förderung bereit stellte, „art projects with a social aspect“ zu entwickeln. Eine solche Verknüpfung einer politischen Agenda mit künstlerischer und Bildungsarbeit allerdings sei problematisch hinsichtlich des Anspruchs, was künstlerische Projekte leisten müssten, und vor allem aufgrund der vorgenommenen Zuschreibungen. Die Frage, wessen Werte und Interessen eigentlich vermittelt oder verhandelt würden, stellte sich Kate Squires zentral. Damit adressierte sie ein Thema, das in den Beiträgen aller Beteiligten aufschien und das sich in der folgenden Diskussion und den Abschlussstatements fort schrieb.

Veronika Gerhard stellte aus ihrer Erfahrung fest, dass gemeinsame Arbeit nur funktioniere, wenn man die jeweiligen Interessen, Selbstverständnisse, Aufgaben gleichberechtigt verhandele. Peter Winkels führte erneut institutionelle Widerstände und existente Wertekonflikte ins Feld, die ein gleichberechtigtes Verhandeln verunmöglichen. Woraufhin Volkan T. deutlich seinem Erschrecken über das auf dem Podium z.T. formulierte seiner Meinung nach veraltete (reaktionäre) Verständnis von Kultur Ausdruck verlieh.

Rena Rädle band die Diskussion an ihr Thema zurück indem sie grundsätzlich fragte, ob das Konzept, sozialer Wandel könne durch eine institutionelle Förderung künstlerischer Projekte oder Projekte der kulturellen Bildung initiiert und unterstützt werden, überhaupt funktionieren könne. Einige Projekte aus dem Bereich hätten tatsächlich Beeindruckendes geleistet, setzte Kate Squires diese Überlegung fort, die Schwierigkeit sei allerdings, aus Institutionen heraus einen Rahmen zu entwickeln, der nicht eine Struktur aufdrücke, sondern Freiräume lasse. Konkret eine bessere Vergabepraxis und Längerfristigkeit der Projekte wünschte sich Bettina Busse in diesem Zusammenhang.
An diesem Punkt öffnete die Moderatorin die Diskussion für das Publikum. Es gab drei
Beiträge, sämtlich von Künstler_innen, die sich in unterschiedlichen Projekten kultureller Bildung engagieren. Der erste Beitrag war ein Aufruf zu Bescheidenheit, die Vorstellung, durch Kunst die Gesellschaft verändern zu können, sei eine Anmaßung. Es müsse vielmehr darum gehen, entsprechende Rahmen zu schaffen, welche die Entwicklung transparent und (selbst-)reflexiv aufgestellter offener Projekte und Prozesse fördern. Die beiden folgenden Beiträge knüpften jeweils an Ausführungen zu künstlerischer Projektarbeit in Schulen an, hier wurde u.a. darauf verwiesen, dass die Ergebnis-/Resultatorientierung der aktuellen Förderantragskultur der notwendigen Offenheit und Entwicklungsmöglichkeit, die künstlerische Prozesse und Bildungsprozesse brauchen, entgegen steht.
Nach einer Stunde schloss die Moderatorin die Diskussion, nicht ohne zu bedauern, dass viele Themen nicht hatten angesprochen werden können, und bedankte sich bei allen Teilnehmenden für ihre Beiträge.

Silke Feldhoff



Podium 1: Die SprecherInnen – erster Teil

Begrüßung durch Silke Feldhoff und Mona Jas

Peter Winkels, next – interkulturelle Projekte, Kulturmanager

Veronika Gerhard und Volkan T., KünstlerInnen, akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße

Moderation: Marina Sorbello, Kulturproduzentin, Kuratorin und Kunstkritikerin, Mitgründung des Projektraums 'uqbar' Berlin