Ein Problem unserer Gesellschaft ist aus meiner Sicht nicht vorrangig die „Diversität“, sondern das überall zu beobachtende Bedürfnis, Begriffe zu finden und Strukturen zu etablieren, die einen „richtigen Weg“ durch das Dickicht schlagen und das Chaos ordnen sollen. So nickt der eine, weil er beim Begriff „Kulturelle Bildung“ voller Begeisterung an den Film „Rhythm is it“ denkt, und der andere, weil er damit meint, allen Menschen eine individuelle, ästhetisch-künstlerisch formulierte Teilhabe am Gemeinwesen zu ermöglichen. Es ist inzwischen ein babylonisches Sprachengewirr entstanden, dem man mit immer wieder neuen bürokratischen Strukturen beikommen möchte. Dabei könnte es helfen, wenn Menschen direkt miteinander sprechen.
Das Begriffs-Problem wird nicht geringer dadurch, dass in der Kunstpädagogik bzw. -didaktik Versuche unternommen werden, den Begriff der „Kulturellen Bildung“ zu ersetzen. Auch wenn von „Ästhetischer Bildung“ oder von „Künstlerischer Bildung“ die Rede ist, geht es um „Labels“, um Systeme, die Sichtweisen lediglich verschieben. Am sympathischsten ist mir noch der Begriff der „Feldforschung“, weil er die Akteure und den Handlungsprozess fokussiert.
Im Kunstvermittlungsdiskurs fallen immer wieder dieselben Begriffe, bei denen jeder Eingeweihte verstehend nickt: Nachhaltigkeit, Empowerment, Partizipation, Emanzipation etc. Sicher dienen diese Begriffe einer ersten „Verortung“. Als Vertreterin der „reflektierten Praxis“ habe ich aber den Eindruck, dass Diskurse in ihrer Begrifflichkeit häufig abgehoben bleiben und wenig Einfluss auf andere Lebenswirklichkeiten haben. Vor allem wird zu wenig mit denen gesprochen, um die es eigentlich geht: Es wird ÜBER Jugendliche gesprochen und zu wenig MIT ihnen. „Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass bereits die Rede von der Vermittlung – vielleicht sogar von Werten – völlig an der Realität des Lernens vorbei geht. Gehirne bekommen nichts vermittelt. Sie produzieren selbst“ (Manfred Spitzer. Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg/Berlin 2002, S. 417). Muss vielleicht sogar der Begriff der „Kunstvermittlung“ über Bord geworfen werden?
In meinem Verständnis macht es in einer globalen und von Medien diktierten Welt wenig Sinn, zwischen Hoch-, Jugend-, Straßen- und Subkultur zu unterscheiden. Die Jugendlichen, mit denen ich zu tun habe, entstammen den unterschiedlichsten Kulturen, d.h. religiösen, nationalen, sozialen, familiären Hintergründen und bewegen sich in ihnen. Sie alle haben daraus eine individuelle Identität geschaffen, die sich aus verschiedensten Einflüssen und Erfahrungen zusammensetzt. Ich bin vorsichtig damit, mir ein Urteil darüber anzumaßen, was sie „brauchen“. Bildung kann heute nach meiner Auffassung nur Selbst-Bildung heißen, und dazu muss man mit Jugendlichen ins Gespräch kommen, sie handeln lassen, um ihnen Entfaltungsräume eröffnen zu können. So kann ich von ihnen lernen.
Was in Deutschland zu beobachten ist, ist nicht nur der geringe Stellenwert von Bildung, was immer darunter verstanden wird, sondern die Geringschätzung von Kindern. Dies zeigt sich bekanntermaßen auch am schlechten Image von ErzieherInnen und LehrerInnen in unserer Gesellschaft. Ich halte es für dringend notwendig, im Kleinkind- bzw. Grundschulalter mit Selbstbildung anzusetzen. Als Gymnasiallehrerin weiß ich, wie schwer es ist, bei Jugendlichen kulturell fest verankerte Haltungen aufzubrechen und neue Sichtweisen zu ermöglichen. Ich meine nicht das Erlernen von eurozentrischen Kulturtechniken, sondern das Erhalten von Offenheit und Neugier, die Kinder noch haben. Dies ist ein alter reform- bzw. kunstpädagogischer Hut.
Für mich stellt sich außerdem die Frage, warum sich Kulturelle Bildung zwar intensiv um Jugendliche, kaum aber um diejenigen kümmert, die den jeweiligen kulturellen Hintergrund geschaffen haben: die Familien (oder was davon übrig ist). Im Bereich Schule weiß man, dass Pädagogen ohne die Kommunikation mit den Eltern, ohne eine Wahrnehmung dessen, was zu Hause stattfindet, wenig bewirken können. So können Jugendliche, die sich in der Schule oder in Projekten mit verschiedenen Lebenswirklichkeiten auseinander setzen, in dramatische Konflikte mit ihren Familien geraten. Es kann nicht sein, dass Jugendlichen allein abverlangt wird, dass sie die gesellschaftlich gewünschte Integration / Inklusion bewerkstelligen. Wünschenswert wäre aus meiner Sicht eine Öffnung des Sichtfeldes der Kulturellen Bildung in Richtung verschiedener Generationen ebenso wie in Richtung verschiedener „Milieus“, nicht nur bei Migranten.
Was sich meiner Meinung nach unbedingt ändern muss, ist die Durchlässigkeit verschiedener „Ebenen“, die sich in meiner Beobachtung nach wie vor hierarchisch darstellen. Theorie und Praxis trennen sich in fast allen Bereichen in den „Elfenbeinturm“ auf der einen, die „Basis“ auf der anderen Seite. Es gibt zu wenige Menschen, die sich sachkundig und offen zwischen diesen Ebenen bewegen. Die Politik trifft Entscheidungen, ohne eine Wahrnehmung dafür zu haben, was einer Entwicklung im Sinne der Menschen förderlich wäre; ein gutes Beispiel dafür ist der Reformwahnsinn im Bereich im Schule, der selbst Veränderungswilligen die Freude an Neuem austreibt. Hochschule und Schule kommunizieren nicht miteinander; eine Ausnahme ist hier z.B. ein kleines, aber hartnäckiges Seminar an der UdK, in dem alle an Kunstpädagogik Beteiligten an einem Tisch sitzen. Viele Projekte im Bereich der Kulturellen Bildung kommen mit fertigen Konzepten, die dann (bezüglich struktureller Fragen mühsam!) umgesetzt werden. Überall finden sich Steuerungsversuche von oben, statt im Sinne einer permeablen Membran Hierarchien aufzulösen und ein beidseitiges Lernen zu ermöglichen. Es besteht offensichtlich ein tiefes Misstrauen zwischen den Organisatoren (Verwaltung, Institutionen) bzw. Theoretikern und denen, die das am grünen Tisch Geplante umsetzen sollen. Es fehlt die Transparenz, und ich glaube nicht, dass man darauf warten sollte, dass „von oben“ der Impuls zum Austausch kommt. Die Menschen müssen miteinander sprechen.
Ich bin entsetzt, wenn ich höre, dass im Kunstunterricht Kunstgeschichte „beigebracht“ werden soll und dass Kunstunterricht keine Freude im Umgang mit Kunst ermöglichen könne, sondern nur Projekte außerhalb der Schule. Diese „Arbeitsteilung“ und Rollenzuschreibung hält Strukturen und Hierarchien aufrecht und führt nicht zu dem, was eine Gesellschaft braucht, wenn sie sich entwickeln soll: Kommunikation, Offenheit und gemeinsames Handeln. Die Trennung von Kunstunterricht und Kunst-Projekten unterstreicht den geringen gesellschaftlichen Stellenwert von Bildung, indem in der Schule dröge Theorie vermittelt werden soll und „das wahre Leben und die echte Kunst“ außerhalb stattfinden. Der Vorteil von Schule ist eindeutig der, dass hier ALLE Kinder und Jugendlichen zusammenkommen und nicht nur die, die sowieso ein Interesse mitbringen oder die zufällig in den Genuss eines Projektes kommen. Wenn der Anspruch der Kulturellen Bildung bzw. der Kunstvermittlung ernst gemeint ist, junge Menschen zur gesellschaftlichen Teilhabe zu ermächtigen, dann sollte man dorthin gehen, wo diese sind.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass es nach wie vor bestimmte Ebenen in unserer gesellschaftlichen Hierarchie gibt, die meinen, sie müssten andere mit ihrer Weltsicht beglücken. Dabei ist aus meiner Perspektive Kulturelle Bildung genauso engstirnig, wenn Erwachsene meinen, sie müssten Jugendlichen anbiedernd deren eigene Kultur nahebringen, als wenn sie sie mit dem Bildungskanon des europäischen Kulturerbes konfrontieren.
Sinnvoller ist es, Jugendlichen einen inhaltlichen Raum zu geben, den sie individuell füllen können und dabei feststellen können, inwiefern ihre Vorstellungen nur subjektiv oder eben auch sozial, also kulturell bedingt und veränderbar sind. Solche Themen können Glück, Freiheit, Paradies etc. sein, also Themen, die existenziell sind und die im umfassenden Sinn ästhetisch-künstlerisch bearbeitet werden können. Hierbei können alle voneinander lernen, aber dafür braucht man vor allem Zeit. Kurzfristige Projekte, die nach wenigen Wochen in einem Feuerwerk enden, werden bei den Beteiligten in der Erinnerung zwar vielleicht leuchtende Augen hinterlassen, es besteht aber auch die Gefahr, dass die gemachten Erfahrungen an Kindern und Jugendlichen abperlen, weil sie sich kaum von den auf sie einprasselnden Eindrücken unterscheiden, denen sie sowieso tagtäglich ausgesetzt sind. Langfristige Spuren können nur entstehen, wenn man sich mit einer Frage immer wieder unter neuen Gesichtspunkten auseinandersetzt und die Möglichkeit der Reflexion, auch nach längerer Zeit, gegeben ist. Das ist Basiswissen der Lerntheorie.
Positive Erfahrungen, die ich in meiner Berufspraxis der letzten Jahre machen durfte (von allen Beteiligten als gelungen empfundene Kooperationen mit Künstlerinnen sowie das schon erwähnte Seminar an der UdK) lassen mich die Forderung von „Rückkopplungen“ unterstreichen: Mehr Kommunikation zwischen agierenden Menschen, die zunächst eine offene, vorurteilsfreie Bestandsaufnahme machen (Wahrnehmung), dann gemeinsam Ideen entwickeln, was individuell oder miteinander getan werden könnte (Imagination), dann gleichberechtigt handeln (Gestaltung) und abschließend ihre Erfahrungen reflektieren, um sie für die Zukunft verfügbar zu machen.
Dies sind künstlerische Strategien, die eine politische Dimension haben. Die Beteiligten bilden sich, ohne dass einer von ihnen vorher weiß, was „richtig“ ist oder was genau dabei herauskommen wird. Aus meiner Sicht ist es fragwürdig, Ziele zu formulieren, künstlerisches Tun in eine permanente „Verzweckung“ zu pressen, auch wenn dies von Institutionen gefordert wird, um eine Legitimation zu haben. Kunst darf selbstverständlich nicht funktionalisiert werden, aber sie einem Kreis „Eingeweihter“ vorzubehalten, finde ich unverantwortlich und undemokratisch. Wichtig erscheint es mir, unter Beteiligung möglichst vieler „Ebenen“ Freiräume über längere Zeit zu schaffen, in denen künstlerische Strategien zur Gestaltung und Reflexion der eigenen Weltsicht und des sozialen Miteinander ihren Platz finden können. Dies ist durch Kunstvermittlung, die Leerstellen lässt, möglich. Man muss es nur tun.
Claudia Schönherr-Heinrich