RÜCKKOPPLUNGEN



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Möglichkeitsräume, Kontaktzonen und Machtverhältnisse

In den letzten Jahren arbeitet die Theoretikerin und Kunsthistorikerin Irit Rogoff an einer Neuformulierung des Begriffs der Partizipation. Ihren Text „Looking Away. Participations in Visual Culture“ beginnt sie mit der Frage „What comes after the critical analysis of culture?“.(1) Sie stellt also die Frage, was über die Institutionskritik hinaus in Institutionen getan werden kann.

Rogoff schlägt einen Blickwechsel vor, der darin besteht, dass binäre Logiken von AkteurInnen und BetrachterInnen durchkreuzt werden: „a shift of the traditional relations between all that goes into making and all that goes into viewing, the objects of visual cultural attention.“ Während die traditionelle Kunstgeschichte ebenso wie die erprobte Praxis der Vermittlung immer davon ausging, dass es darum ginge, besser, gemeinsam, genauer und „hinzusehen“, schlägt Rogoff Wegsehen – „looking away“ als eine Strategie der Partizipation vor. Sie lenkt den Blick auf das was geschehen kann,

- wenn die Intentionen (von KünstlerInnen und KuratorInnen) nicht mehr alle Gespräche und Handlungsformen in Ausstellungen dominieren.

- wenn unerwartete und ungewöhnliche Begegnungen stattfinden

- wenn performative Handlungen neue Formen des Umgangs mit Institutionen und Ausstellungen generieren

Rogoffs Verständnis der Partizipation beginnt also dann, wenn die Vorstellung von Ausstellungen als Räume der Repräsentation verlassen wird und ein Raum der Möglichkeit entsteht.

Was kommt also nach der Kritik? Oder – wie ich es im Sinn der Idee von „Rückkopplungen“ auch gerne formulieren würde: Wie kann die Kritik am Museum im Museum Folgen haben, die wir nicht bereits vorher definieren und kennen? Und wie können diese Folgen über bloße Repräsentation und vorgefertigte Identitätszuschreibungen hinausgehen?

Rogoff geht auf einen wichtigen Aspekt der Diskussionen um „Identitäten“ der letzten 20 Jahre ein. Tatsächlich sind diese stark mit der Debatte um „Partizipation“ verbunden, geht diese doch oft Hand in Hand mit der Funktion der Museen und Institutionen zur „sozialen Inklusion“. Rogoff macht darauf aufmerksam, dass die Repräsentation von marginalisierten Gruppen keine Errungenschaft an und für sich ist.

Und offensichtlich – möchte ich über Rogoff hinaus hinzufügen – sind die Vermittlungskonzepte, die sich an marginalisierte Gruppen richten bzw. deren Ziel die soziale Inklusion ist, bei näherer Betrachtung viel mehr von Zuschreibungen als von Selbstdefinitionen getragen. Hier werden zumeist neue Zielgruppen definiert, deren Anliegen zur Inklusion als benannte und ausgemachte gesellschaftliche Gruppe in zahlreichen Aspekten die Exklusion (als über die Zielgruppe hinausgehende AkteurInnen) sogar verstärken kann. Gerne ist hier etwa in Vorstellungen von partizipatorischen Projekten dann stolz von „ehemaligen Drogensüchtigen“ zu hören – eine Zuschreibung, die die Vergangenheit der Beteiligten in ihre Gegenwart in einer Ausstellung hereinträgt. Warum eigentlich?

Bei Fragen der Partizipation, Integration und Inklusion ist darüber hinaus auch die Frage danach wichtig, wer hier mit welchem Recht glaubt, wen inkludieren zu können.

Um dieser Frage zugleich zu entgehen und sie für eine mögliche Handlungsmacht fruchtbar zu machen, schlägt Rogoff vor, einen neuen post-identitären „Wir-“Begriff zu entwickeln. Sie versteht Partizipation auf diese Weise als eine kollektive Praxis des öffentlichen Sprechens und Handelns, die sich identitären Zuschreibungen widersetzt. Diesem postidentitären „Wir“ würde ich gerne noch die Idee einer postidentitären Solidarität hinzufügen.

Kunstvermittlung als Möglichkeitsraum zu begreifen, würde vor diesem Hintergrund bedeuten, den Ausstellungsraum als Raum der Repräsentation zu verlassen und ihn als öffentlichen Raum zu begreifen:

• Erstens als einen Raum, in dem etwas geschehen kann – etwas von dem vorher nicht definiert ist, was es sein wird und wer darin agiert.

• Zweitens geht es darüber hinaus nicht bloß darum, dass irgendetwas Unerwartetes geschieht, sondern darum, dass das was geschieht, etwas verändern kann und

• Drittens findet all das – auch wenn es die Logiken der Zuschreibungen verlässt – innerhalb von Machtverhältnissen statt. James Clifford spricht von Museen als „Contact Zones“ .(2) Er betont dabei, dass das Ziel einer polydimensionalen und multiperspektivischen Auseinandersetzung im Museum nicht auf Augenhöhe verfolgt werden kann, wenn die gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht zugleich mit thematisiert und – im Hinblick auf ihre Veränderung – in Betracht gezogen werden.

Nora Sternfeld

(1) Irit Rogoff, Looking Away. Participations in Visual Culture, http://collabarts.org/?p=6
(2) James Clifford, Museums as Contact Zones, in: James Clifford, Routes, Travel and Translation in the Late Twentieth Century, Harvard University Press: Cambridge1997, S. 188-219.



Unglamorous Tasks: What Can Education Learn from its Political Traditions?

online: http://www.e-flux.com/journal/view/125

Der Taxispielertrick, Vermittlung zwischen Selbstregulierung und Selbstermächtigung

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veröffentlich in. schnittpunkt et al. (Hg.), Wer spricht? Autorität und Autorschaft in Ausstellungen, Wien 2005