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Zum Beispiel: Kulturelle Bildung in Berlin

Rückblick

Die Wunschliste ist lang, als die zweitägige Konferenz „Offensive Kulturelle Bildung für Berlin“ im September 2006 mit der Formulierung eines Forderungskatalogs endet (1). Zum ersten Mal in Berlin haben sich Akteure der Kulturellen Bildung – KünstlerInnen, KunstvermittlerInnen, LehrerInnen, PolitikerInnen, VerwaltungsmitarbeiterInnen – getroffen, um gemeinsam Grundlagen für eine zukünftige Kulturelle Bildung zu erarbeiten. Das Treffen hat Folgen: Zentrale Ziele für die Kulturelle Bildung werden in das Koalitionspapier der neuen Regierung Berlins übernommen, ein Rahmenkonzept wird auf den Weg gebracht und die Senatsverwaltungen aus den Bereichen Kultur, Jugend und Bildung arbeiten von nun an zusammen.

Zwischenbilanz

Vier Jahre später ist es Zeit für ein Fazit: Eine Reihe der Forderungen sind in der Tat umgesetzt worden (und wer Verwaltungsprozesse kennt, ist überrascht von dem Tempo, in dem dies geschehen konnte). Es gibt eine Koordinierungsstelle bei den Kulturprojekten Berlin und zwei wirksame Instrumente für Kooperationen.

1. Das Patenschaftsmodell „Künste & Schule“ hat seit 2007 über 50 Patenschaften in Berlin begründet und wurde 2008 in ähnlicher Form nach Österreich „exportiert“ (2). Die wissenschaftliche Begleitung von 11 ausgwählten ZOOM-Patenschaften – unter der Leitung des Instituts für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin und finanziert durch die PriceWaterhouseCoopers Stiftung – wird zum Jahresende abgeschlossen sein. Der Evaluationsbericht wird die Erfahrungen der ersten drei Jahre zusammenfassen und Aussagen für zukünftige gelingende Patenschaften zwischen Kultureinrichtungen und Schulen treffen.

2. Nach einer Entscheidung des Berliner Parlaments wird im April 2008 der Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung ins Leben gerufen (3). Mit einem Budget in Höhe von zunächst 1,5 Mio. €, später 2 Mio. € jährlich werden Projektförderungen ermöglicht, die in Kooperation zwischen mindestens einem Kunst-/Kulturpartner und einem Bildungs-/Jugendpartner gestaltet und umgesetzt werden. Mittlerweile konnten in allen drei Fördersäulen rund 700 Projekte unterstützt werden, viele davon haben Pionierarbeit geleistet und mitreißende Prozesse in Gang gesetzt. Eine angemessene Präsentationsform für die Vielzahl an beispielgebenden Produktionen und Dokumentationen steht noch aus.

Weitere Maßnahmen und Programme folgen, hier nur eine Auswahl des inzwischen Umgesetzten:

• Im Sommer 2009/2010 startet an der Universität der Künste die erste Fortbildung für Berliner LehrerInnen und KünstlerInnen, die künstlerische Projekte im Kontext Schule gemeinsam konzipieren und durchführen wollen. “KontextSchule” (4) basiert auf einer Initiative des Fördervereins Kunst im Kontext e.V. und wird akuell finanziert durch Mittel aus dem Haushalt des Bundes. Die Fortbildungsmodule der KontextSchule “Künstlerische Arbeit an Schulen 2009/10 und 2010/11” sind Teile eines Programms der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin zur Qualitätsentwicklung an Schulen.

• Zum Jahresende 2009 gelingt es, die beiden stadtweiten und strukturbildenden Projektformate TUSCH und TanzZeit in eine institutionelle (und damit dauerhafte) Förderung durch die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung zu bringen – das hätte 2006 niemand für möglich gehalten.

• Ebenfalls Ende 2009 werden Kulturbeauftrage an Oberstufenzentren benannt, eine Schulform in Berlin, die von immerhin 30% der Berliner SchülerInnen besucht wird. 2010 sollen zunächst weitere 20 Kulturbeauftragte ihre Arbeit aufnehmen, die eine Fortbildung einschließt. Allgemeinbildende Schulen, die ihr kulturelles Profil im Rahmen ihrer Schulprogrammentwicklung schärfen und aktiv in die Sozialraumgestaltung einbringen wollen, werden hierfür besonders berücksichtigt.

• Die „Datenbank Kulturelle Bildung“ zur Vernetzung der AkteurInnen und zur Präsentation von wegweisenden Projekten wird im September 2010 an den Start gehen. Sie wurde in Zusammenarbeit zwischen der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, dem Berufsverband Bildender Künstler Berlin, der Kulturprojekte Berlin GmbH, dem JugendKulturService gGmbH und dem Jugendnetz Berlin entwickelt.

• Ebenfalls im September 2010 wird eine neue Jugendkunstschule in dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf eröffnet, mitten im Kiez rund um den Mierendorffplatz in Charlottenburg-Nord. Weitere Jugendkunstschulen sollen in ganz Berlin durch Neugründung oder durch Umwandlung von Jugendzentren in Jugendkunstschulen geschaffen werden.

• Ein Qualitätssiegel für besonders kunstaffine Schulen wird 2010/2011 auf den Weg gebracht.

Entlang des Rahmenkonzepts Kulturelle Bildung für Berlin müssen weitere Vorhaben und Umsetzungsstrategien entwickelt werden. Absolut unersetzlich sind dabei kontinuierliche Treffen aller AkteurInnen und der intensive Austausch über die erreichten Ziele und offene Fragen.

Ausblick

Die oben genannten Meilensteine haben wertvolle Impulse für Berlin gesetzt, reichen aber noch nicht aus. Wie die Projektarbeit verstetigt werden kann und ganz selbstverständlich in Schulen, Kitas und im Kiez andockt, dafür bedarf es weiterer Anstrengungen und kluger Konzepte.

Hervorragende Beispiele für gelungene interkulturelle Arbeit – fernab von den Klischees der „sozial benachteiligten Migrantenjugendlichen“ – wie sie durch die Förderungen der Kulturellen Bildung in Berlin ermöglicht werden, müssen besser wahrgenommen werden, in die Breite gehen und idealerweise in die gesellschaftliche Realität zurückwirken.

Man darf gespannt sein auf den weiteren Dialog der Beteiligten. Es werden noch mehr gute Ideen und Programme gebraucht, damit das Ziel der Kulturellen Bildung für jedes Kind – und dies ist der öffentliche Auftrag per Gesetz – tatsächlich umgesetzt werden kann.

LINKS

(1) www.kulturprojekte-berlin.de/projekte/patenschaften-kuenste-schule/historie-kulturelle-bildung/
(2) www.kulturkontakt.or.at/page.aspx?target=241318
(3) www.kulturprojekte-berlin.de/projektfonds
(4) http://kontextschule.org/

Annette Richter-Haschka
Berlin, 31. Juli 2010