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Partizipation um jeden Preis?

„Kunst als soziale Praxis“, „partizipative Kunst“, „Kunstvermittlung“, „participatory practice“, „artivism“, „Aktivismus“, „l’art engagé“,… es gibt unterschiedliche Begriffe, die im deutschen, englischen und französischen Sprachraum eine Praxis beschreiben, die Kunst und Gesellschaft in eine aktive Beziehung setzt. Sie bezeichnen eine Kunst, die sich von der Idee der Autonomie der Kunst, der „l’art pour l’art“, abgewandt hat. Sie produziert nicht vorrangig Objekte für den Ausstellungsraum, sondern initiiert soziale Prozesse im weitesten Sinne. Für eine solche Kunst ist das Gegenüber aktive PartnerIn im schöpferischen, gesellschaftsverändernden Prozess.

In Europa liegen ihre Anfänge im Realismus des 19. Jahrhunderts, der in den Kämpfen um die Pariser Kommune zur Blüte kam: Man denke an die Karikaturen Honoré Daumiers, die Arbeiterdarstellungen Adolph Menzels und an die sozialen Lehrbilder in der Malerei Gustave Courbets, die eindeutig Stellung bezieht und damit zum politischen Akt wird. Über die „Instruierung“ oder Bildung der Betrachtenden geht der Anspruch einer solchen Kunst hinaus, wenn diese selbst aktiv werden. Ein historisches Beispiel dafür ist die Arbeiterfotografen- und Arbeiterzeichner-Bewegung im Deutschland der 20er Jahre, die auf einen von der AIZ (Arbeiter-Illustrierten-Zeitung) ausgeschriebenen Fotowettbewerb hin entstand, der Zeitung, die John Heartfields entlarvende Fotomontagen veröffentlichte. Selbermachen, Selbstorganisation und Selbstverwaltung sind anarcho-sozialistische und sozialutopistische Ideen, die im 19. Jahrhundert viele Kunst- und Kulturschaffende beeinflussten und bis heute regelmäßig Aktualisierung in der künstlerischen Praxis erfahren – vom „DIY“ (Do It Yourself) bis zu den „artist-run spaces“.

Dieser fragmentarische Exkurs zu den Anfängen von gesellschaftlich engagierter Kunst soll deutlich machen, dass diese Kunst eine Praxis ist, die aus sozialen Kämpfen hervorgegangen ist und dies auch weiterhin tut. Sie geht in politisches Handeln über und entwickelt dazu verschiedene Techniken: öffentliche Stellungnahme und Argumentation, Agitation, Bildung, Provokation, kollektive Organisations- und Kommunikationsformen, solidarisches Handeln, direkte Intervention.

Kunst, die sich sozialer Problemstellungen annimmt, strebt nach einem gesellschaftlichen Nutzen und es liegt nahe, dass staatliche Institutionen diese Funktion erkennen und fördern möchten. Die Institutionalisierung von künstlerischer sozialer Praxis bringt aber auch eine Umwertung mit sich – wenn nicht sogar die völlige Umkehrung ihrer Zielrichtung. Es ist wohl überflüssig festzustellen, dass, was als „unabhängiger“ künstlerischer Aktivismus experimentell und radikal sein kann, im institutionellen Rahmen in geregelte Machtverhältnisse übergeht, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse nur spiegeln, nicht aber überwinden können. Eine der versteckten „Nebenwirkungen“ der Institutionalisierung solcher Praxen in speziellen Programmen, die von staatlichen Agenturen oder anderen Fonds verwaltet werden, ist die Professionalisierung der AkteurInnen, die miteinander in Konkurrenz treten müssen. Sozialkritisches Bewusstsein mutiert zu einer wertschöpfenden Dienstleistung, die an Experten delegiert wird und droht aus der Alltagserfahrung der Bürger zu verschwinden. Dieser Effekt ist in Gesellschaften zu beobachten, in denen der „zivile Sektor“ von hoch professionalisierten NGOs übernommen wird. Damit wird soziale Praxis und Gesellschaftskritik als radikaler Lern- und Aktionsraum für alle aufgegeben.

Partizipative Projekte, die, so die Vorstellung der privaten oder staatlichen Auftraggeber, Demokratie und „Zivilgesellschaft“ oder eine „benachteiligte Gruppe“ stärken sollen, stehen hoch im Kurs. Doch was bedeuten Partizipation und Teilhabe in diesem Zusammenhang? Sie beschränkt sich meist auf die Teilnahme an einem künstlerischen Workshop, einem Kunstprojekt, das beispielsweise bestimmte Werte auf interaktive Art vermitteln soll. Dabei wird übersehen, dass wirkliche Partizipation zumindest annähernde soziale Gleichheit voraussetzt, die sich in z.B. in einem ähnlichen Bildungsniveau ausdrückt. Wenn diese nicht gegeben ist, kann von partizipativer Praxis nur profitieren, wer dazu aufgrund ihrer/seiner gesellschaftlichen Stellung bereits die Vorraussetzungen hat. Partizipative Kunst muss die politische Frage nach sozialer Gerechtigkeit stellen, sonst bleibt sie eine Scheinintervention, die zwar sofort sichtbare Ergebnisse zeitigt, nicht aber an die Wurzel der Probleme rührt.

Rena Rädle